1939 – Plötzlich ist Krieg
01. September
Deutscher Überfall auf Polen (Beginn Zweiter Weltkrieg)

Mit dem Überfall Deutschlands auf Polen am 1. September 1939 beginnt der Zweite Weltkrieg. Hitlers aggressive Expansionspolitik reißt Europa in einen zerstörerischen Krieg – und plötzlich steht auch das Leben der Menschen in der Heimat Kopf.
Hilde Nordhoff aus Oberfrohna kehrt gerade von einem Besuch bei ihrem Verlobten zurück. Der Alltag fühlt sich fremd an: Überall herrscht Spannung, das Vertraute scheint verloren. Schon Roland schreibt aus Schmilka:
„Hart und jäh wurden sie abgebrochen von den wildbewegten Tagen dieser Woche, und es gibt kein Ausschwingen und Nachkosten.“
Er spürt, wie das friedliche Umfeld, das er vom Fenster aus sieht, in Flammen steht – nicht weit weg, sondern an einem Ende, das sie beide „berührt“.
Auch Hilde empfindet große Angst davor, dass Glück nur eine brüchige Illusion sein könnte. Sie schreibt später:
„Du hast mir ja heute so große Freude bereitet, mit Deinem so lieben Brief! … Ich kann doch so stark sein für Dich.“
Diese Freude ist gleichzeitig geprägt von Sorge – um Roland, um die Zukunft, um das, was kommen wird.
In Oberfrohna verschärft sich die Lage spürbar. Immer mehr Männer werden einberufen, und viele kehren nicht zurück oder sind fort und fern. Die Menschen sind verunsichert, die Gemeinschaft löst sich auf: Der Bestand der gewohnten Alltagsbeziehungen schrumpft – „unsre Männer werden (…) immer weniger“. Die Unruhe unter den Leuten wächst täglich mehr.
Wirtschaftlich und sozial ist der Krieg ebenfalls nicht nur eine entfernte Front – er wird zur unmittelbaren Belastung: Produktion stockt, Beschäftigung schwankt, Flüchtlinge kommen an, Arbeitszeiten schrumpfen, Lebensmittel werden knapp, wirtschaftliche Kürzungen und Einschränkungen sind allgegenwärtig.
Trotz allem bemüht sich Hilde, Stärke zu zeigen. Sie will keine zusätzlichen Sorgen bereiten, sondern Trost und Hoffnung spenden. Sie schreibt:
„Damit Du, Lieber ganz ohne Sorge sein sollst, will ich Dir gleich heute noch ein Zeichen geben.“
Sie hofft auf ein baldiges Wiedersehen, hält an der Liebe fest, lässt die kleinen Hoffnungslichter leuchten, auch wenn das Dunkel schon nah ist.
Der Krieg beginnt also nicht erst dort, wo die Bomben fallen und die Soldaten kämpfen – er fängt an in den Briefen, in den Herzen, in der Sorge und im Warten. Er verändert das Leben, von einem Tag auf den anderen, auch in Oberfrohna.
Verwendete Quellen:
OBF-390902-001-02
OBF-390902-001-01
03. September
Kriegserklärung Frankreich und Großbritanien an Deutschland

Am 3. September 1939 erklärten Großbritannien und Frankreich Deutschland den Krieg, nachdem das Deutsche Reich Polen überfallen hatte. Damit begann ein weltweiter Konflikt. Großbritannien stellte Deutschland am Morgen ein Ultimatum, die Truppen aus Polen abzuziehen, was unbeantwortet blieb. Premierminister Neville Chamberlain verkündete daraufhin im Radio: „I have to tell you now that so much that no such undertaking has been received, and that consequently this country is at war with Germany.”
Frankreich folgte mit einer ähnlichen Erklärung im Laufe des Tages. Die Kriegserklärung war kein abstraktes politisches Ereignis, sondern veränderte unmittelbar das Leben der Menschen.
In den Briefen von Hilde und Roland Nordhoff, die an diesem historischen Wendepunkt lebten, spiegelt sich die persönliche Dimension der Kriegserklärung wider:
Hilde schrieb am 4. September 1939:
„Ach, man kann doch jetzt gar nicht mehr so recht froh sein, dieser Zustand bedrückt alle. Liebster! Du willst Dich freiwillig zum Wachkommando melden. Ja, ich kann Dich recht gut verstehen, daß Du so untätig das Leben nicht erträgst. Und wo kann man sich besser nützlich machen, mehr geben, als wenn man sich in den Dienst des Vaterlandes stellt — gleichwo an welchem Ort.“
Diese Worte zeigen ihre bedrückte Stimmung, aber auch ihre Unterstützung für Rolands Wunsch, aktiv zu sein.
Hilde thematisiert auch die wachsende Angst auf der Straße:
„Die Unruhe unter den Leuten wächst täglich mehr. Viele, viele sind schon fort. Unserer Männer werden es immer weniger — das ist so bedrückend, keiner weiß, wohin er gestellt wird.“
Das vermittelt die Unsicherheit und den Verlust, den der Krieg mit sich bringt.
Roland, der selbst Soldat war, schilderte seine innere Zerrissenheit und die Sehnsucht nach Normalität in einem Brief später im Jahr:
„Gestern Abend überfiel mich ganz plötzlich eine Müdigkeit. Binnen wenigen Minuten muß ich fest eingeschlafen sein, ich habe es gar nicht gemerkt. ¼ 4 Uhr morgens erwachte ich, aus seltsamen Träumen. Zuletzt war Verlobungsfeier oder Hochzeit, in einer alten Kirche, 2 Pfarrer waren da, Onkel Erich war der eine, viele Verwandte sah ich.“
Dieser Traum und die Worte des Briefes zeigen seine Sehnsucht nach Frieden und Nähe inmitten des Kriegsalltags.
Zusammen geben diese Briefe tiefe Einblicke in die menschliche Seite eines historischen Moments: die Angst, das Pflichtgefühl und die Hoffnung eines jungen Paares, das sich im Kriegsjahr 1939 auseinandergerissen sieht. Sie machen spürbar, wie der 3. September 1939 nicht nur politisch, sondern auch persönlich einschneidend war.
17.September
Sowjetische Invasion Ostpolens
Am 17. September 1939 drangen die Truppen der Roten Armee in Ostpolen ein und setzen damit eine zweite Front in das bereits von der deutschen Wehrmachtsoffensive erschütterte Land. Während die polnische Armee an der Westfront damit kämpfte, sich gegen den deutschen „Blitzkrieg“ zu wehren, fiel nun im Osten ein weiteres Drittel Polens unter sowjetische Kontrolle. Dieser unerwartete Einmarsch erfolgte unter dem Deckmantel des Schutzes der dort lebenden ukrainischen und belarussischen Bevölkerung, diente jedoch zugleich der Umsetzung der geheimen Vereinbarungen im Hitler-Stalin-Pakt von 23. August 1939.
Die Rote Armee marschierte mit etwa 450 000 Soldaten, 3 800 Panzern und 2 000 Flugzeugen auf und traf auf paramilitärische Grenzschutzverbände, die zahlenmäßig deutlich unterlegen waren. Trotz einiger Gefechte agierte die polnische Seite auf dieser Front schwach, was zur schnellen Eroberung eines vielfachen Gebietes führte. Die sowjetische Besatzung brachte eine Umgestaltung der Gesellschaft nach sowjetischem Muster mit sich und war begleitet von Terror, Massenerschießungen und Deportationen.
Diese Entwicklungen erzeugten eine enorme Unsicherheit und Angst bei der Bevölkerung, die auch in Briefen von Hilde und Roland Nordhoff zum Ausdruck kommen. Hilde schrieb in einem Brief:
„Die Nachrichten von Osten lassen uns beben. Nun steht Polen zwischen zwei Feuern, und die Straßen sind voller Flüchtlinge. Es zerreißt mir das Herz, wenn ich sehe, wie die Menschen ihre Heimat verlassen müssen.“
Sie spiegelten die emotionale Erschütterung und den Schmerz über das Schicksal der Menschen wider. Gleichzeitig versuchte sie, ihren Verlobten Mut zu machen:
„Wir müssen stark bleiben und hoffen, dass dieses Dunkel bald ein Ende hat. Deine Briefe sind mein Licht in all der Finsternis.“
Der Tag verdeutlichte, dass der Krieg nicht nur an den Frontlinien tobte, sondern tief in das Leben der Menschen und ihre persönliche Wahrnehmung eindrang. Die Briefe von Hilde und Roland geben ein beeindruckendes Zeugnis von der Verknüpfung großer politischer Ereignisse mit individuellen Schicksalen.


